Inventur

Mathematische Ausbildung für Studiengänge am D-BIOL, D-CHAB, D-EAPS, D-HEST und D-USYS

A. Caspar

Ziel

Die anstehenden Revisionen geben Anlass für eine Inventur. Diese erfolgt exemplarisch für die Studiengänge rund um Life Sciences und zu den zentralen Themen Differentialgleichungen, Lineare Algebra und Vektoranalysis, unter Berücksichtigung von Kompetenzen in den Dimensionen „Rechnen können – Verstehen – Anwenden“. Die dargestellten Kompetenzbereiche sind als ein kohärentes (aber nicht erschöpfendes) Gesamtbild für eine mathematische Grundbildung in den Life Sciences zu verstehen. Zwischen den Kapiteln bestehen inhaltliche und methodische Verbindungen (siehe unten). Darüber hinaus sind Computational Competences über alle Themen hinweg integriert. Weitere Vertiefungen (z.B. ab dem zweiten Studienjahr zu PDE, Statistik, numerische Methoden) können aufbauend auf diesen Basiskompetenzen erfolgen.

Einordnung

Der vorliegende Katalog wurde bisher nicht breit mit Mathematikdozierenden diskutiert oder gar abschliessend geklärt. Er versucht zu verstehen, welche Themen im Basisjahr zentral bleiben und welche auch als optional angesehen werden können. Die jeweiligen Bereiche 2. Verstehen (konzeptuelle Kompetenz) und 3. Anwenden (Modellierungs- und Transferkompetenz) dienen dabei als Orientierung für die Anwendungsmodule.

Differentialgleichungen (DGL)

Relevanz. DGL sind grundlegende Werkzeuge zur Beschreibung dynamischer Prozesse in den Life Sciences: bei der Modellierung von Wachstumsprozessen (1. Ordnung), periodischen Populationsdynamiken sowie pharmakokinetischen Prozessen (2. Ordnung und lineare DGL-Systeme).

1. Rechnen können (prozedurale Kompetenz)

BereichStudierende können …
Erste Ordnung lineare DGLn mit konstanten Koeffizienten $y' = a y + b$ und weiter durch Trennung der Variablen einfache DGL (z.B. logistische Gleichung $y' = y(1-y)$) lösen.
Zweite Ordnung DGLn $y'' + a y' + b y = 0$ (homogen linear mit konstanten Koeffizienten) lösen und den Zusammenhang zwischen charakteristischer Gleichung, Eigenwerten und dem Verhalten der Lösung (reell/komplex, gedämpft/oszillatorisch) nachvollziehen.
Lineare Systeme Allgemeine $n \times n$-Systeme $y' = A y$ im Fall einer Eigenbasis lösen und für $n = 2$ den Fall ohne Eigenbasis auf eine DGL 2. Ordnung zurückführen.
Grundoperationen Ableitungen und Integrale zur Überprüfung und Interpretation von Lösungen korrekt ausführen.

2. Verstehen (konzeptuelle Kompetenz)

BereichStudierende verfügen über Verständnis für …
Allgemeines Lösungsverhalten den Zusammenhang zwischen der Struktur von $F(y)$ und den Eigenschaften der Lösung $y$ (Monotonie, Wendepunkte, stationäre Lösungen) in der DGL $y' = F(y)$.
Stabilität und Linearisierung stationäre Lösungen und deren lokale Stabilität mit Linearisierung $y' = F(y) \approx F'(y_\infty)(y - y_\infty)$ und die Bedeutung des Vorzeichens von $F'(y_\infty)$.
Geometrische Interpretation die Darstellung von Lösungen als Kurven, die Interpretation von Richtungsfeldern sowie den Zusammenhang zwischen dem Lösungsverhalten bei $2\times2$-Systemen $y' = Ay$ und Spur / Determinante von $A$.
Parameterinterpretation den Einfluss von Modellparametern (z.B. Wachstumsrate, Dämpfung) auf das qualitative Verhalten (exponentiell, oszillatorisch, stabil/instabil) sowie des Startwertes $y(0) = y_{0}$.

3. Anwenden (Modellierungs- und Transferkompetenz)

BereichStudierende können …
Modellbildung biologische und chemische Prozesse (z.B. Populationswachstum, Stoffwechselraten, Pharmakokinetik) mit einfachen DGLn modellieren und Annahmen sowie Grenzen solcher Modelle reflektieren.
Interpretation die Bedeutung mathematischer Lösungen im Anwendungskontext erklären (z.B. Gleichgewicht, Attraktivität, Halbwertszeit, Sättigung).
Datenbezug Modellparameter aus experimentellen oder simulierten Daten bestimmen (z.B. Wachstumsrate aus Messreihen).
Softwareeinsatz graphische und numerische Verfahren (z.B. mit Python) zur Simulation und Visualisierung einfacher DGLn einsetzen.

4. Voraussetzungen und Schnittstellen

BereichNötiges Vorwissen / Querverbindungen
Analysis Begriff von Ableitung und Integral als Änderungsrate bzw. kumulative Grösse; Darstellung einer Lösung als Kurve.
Lineare Algebra Verständnis von linearer Unabhängigkeit, Eigenwerten und Eigenvektoren.
Modellverständnis Fähigkeit, Variablen, Parameter und Einheiten zu identifizieren und inhaltlich zu interpretieren.

5. Optionale Erweiterungen

Lineare Algebra

Relevanz. Lineare Algebra braucht es für mehrdimensionale Phänomene. Sie bildet die Grundlage für die Beschreibung und Analyse diskreter dynamischer Systeme, wie sie in Populationsmodellen, Stoffwechselnetzwerken oder bei der Analyse von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Subpopulationen auftreten. Ein typisches Anwendungsbeispiel ist das diskrete Entwicklungsmodell $v_{n+1} = A v_n$ mit $v_n \in \mathbb{R}^m$. Die Kompetenzen zielen auf das Verständnis solcher Modelle, ihrer Stabilität und der zugrunde liegenden linearen Strukturen.

1. Rechnen können (prozedurale Kompetenz)

BereichStudierende können …
Matrizenoperationen Matrizenprodukte und Potenzen berechnen, insbesondere zur Bestimmung von $v_n = A^n v_0$ in diskreten Modellen. Sie können die Inverse einer Matrix berechnen (soweit für Anwendungen nötig) und die Bedeutung für die Eindeutigkeit von Lösungen verstehen.
Lineare Gleichungssysteme LGS interpretieren und in kompakter Form $A x = b$ darstellen sowie in einfachen Fällen lösen (z.B. Gauss-Elimination).
Eigenwerte, Eigenvektoren Eigenwerte und Eigenvektoren bestimmen, um z.B. Stabilität und Langzeitverhalten eines Modells zu analysieren.
Komplexe Zahlen Grundlegende Arithmetik komplexer Zahlen ausführen und geometrische Zusammenhänge verstehen, z.B. bei komplexen EW.

2. Verstehen (konzeptuelle Kompetenz)

BereichStudierende verfügen über Verständnis für …
Lineare Abbildungen den Zusammenhang zwischen Matrizen und linearen Abbildungen (z.B. Drehung, Spiegelung, Projektion).
Linearkombinationen und Unabhängigkeit die Bedeutung linearer Unabhängigkeit, Basis und Dimension im Zusammenhang mit der Lösbarkeit von Gleichungssystemen und in den Anwendungen bei diskreten Modellen (z.B. Darstellung eines Startvektors).
Eigenwertproblem die Anwendung und anschauliche Interpretation der Charakterisierung $A v = \lambda v$.
Determinante die Determinante als Kriterium für die Existenz einer Inversen verstehen, ohne allgemeine vertiefende Berechnung im Detail.
Stabilität den Zusammenhang zwischen Eigenwerten und Stabilität im diskreten Modell ($|\lambda| < 1 \leadsto$ stabil) erkennen.

3. Anwenden (Modellierungs- und Transferkompetenz)

BereichStudierende können …
Diskrete Modelle dynamische Prozesse mit rekursiven Gleichungen $v_{n+1} = A v_n$ formulieren und interpretieren.
Langzeitverhalten das asymptotische Verhalten von Populationen oder Zustandsgrössen aus Eigenwerten/Eigenvektoren ableiten.
Stabilitätsanalyse Matrizen nach ihrem Spektrum klassifizieren (stabil/instabil, oszillierend) und die biologische Bedeutung interpretieren.
Datenbezug aus experimentellen Daten lineare Modelle aufstellen oder Parameter (z.B. Übergangswahrscheinlichkeiten) schätzen.
Softwareeinsatz numerische und symbolische Werkzeuge (z.B. Python) für Matrizenoperationen und Eigenwertanalysen nutzen.

4. Voraussetzungen und Schnittstellen

BereichNötiges Vorwissen / Querverbindungen
Analysis Grundverständnis diskreter und stetiger Wachstumsprozesse; Kenntnis einfacher rekursiver Folgen.
Komplexe Zahlen Arithmetik und geometrische Interpretation.

5. Optionale Erweiterungen

Vektoranalysis

Relevanz. Vektoranalysis liefert das begriffliche und rechnerische Fundament für die Beschreibung von Strömungen, Flüssen, Gradienten und Potentialen in den Life Sciences. Sie ist als Vorbereitung für partielle Differentialgleichungen (PDE) von Bedeutung, z.B. bei der Modellierung von Diffusion, Transport oder Gradienten-gesteuerten Prozessen.

1. Rechnen können (prozedurale Kompetenz)

BereichStudierende können …
Kurvenintegrale für skalare Funktionen das Integral $\displaystyle \int_\gamma f\,ds$ berechnen.
Vektor- und Gradientenfelder Gradienten $\nabla f$ und Richtungsableitungen bestimmen; konservative Felder erkennen und Potentialfunktionen finden.
2-dimensionale Linearisierung die lokale Linearisierung nichtlinearer Systeme $y' = F(y)$ in der Ebene um stationäre Punkte $y_\infty$ durchführen (Taylor).
Arbeitsintegrale Arbeitsintegrale $\displaystyle \int_\gamma K\cdot d\gamma$ berechnen.
Sätze von Green und Gauss den ebenen Sätze von Green und Gauss und den räumlichen Satz von Gauss in Standardfällen anwenden, insbesondere zur Berechnung von Quellen- oder Flussbilanzgrössen.

2. Verstehen (konzeptuelle Kompetenz)

BereichStudierende verfügen über Verständnis für …
Vektorfelder und Flüsse den geometrischen Zusammenhang zwischen Feld, Stromlinien und Fluss interpretieren.
Gradient und Potential Gradient als Richtung des stärksten Anstiegs und Zusammenhang $\nabla f \leftrightarrow$ konservatives Feld.
Potentialtheorie Wegunabhängigkeit des Integrals konservativer Felder und $\displaystyle \int_{\gamma} \nabla f \cdot d\gamma = f(\gamma(b)) - f(\gamma(a))$ mit dem Hauptsatz.
Green- und Gauss-Sätze die Flussbilanzinterpretation verstehen: „Summe der Quellen im Gebiet = Fluss durch den Rand“.
Lokale Approximationen Tangentialebenen, zweidimensionale Taylorentwicklung und lineare Näherung für die Beschreibung lokaler Verhaltensänderungen.

3. Anwenden (Modellierungs- und Transferkompetenz)

BereichStudierende können …
Fluss- und Transportmodelle physiologisch oder chemisch motivierte Flüsse (z.B. Diffusion, Strömung, elektrische Potentiale) als Vektorfelder modellieren und interpretieren.
Bilanzprinzipien Integralsätze (Green, Gauss) zur Beschreibung von Erhaltung oder Bilanz zwischen Quelle, Senke und Fluss anwenden.
Potentialanalyse Potentiale rekonstruieren und den Zusammenhang zu Energie- oder Konzentrationslandschaften herstellen.
Softwareeinsatz numerische und visuelle Umsetzung (z.B. mit Python) zur Visualisierung von Feldern, Richtungen und Flüssen einsetzen.

4. Voraussetzungen und Schnittstellen

BereichNötiges Vorwissen / Querverbindungen
Mehrdimensionale Analysis Begriff von partiellen Ableitungen, Differenzierbarkeit, Gradienten und Extrema. Kenntnisse von Gebiets- und Volumenintegralen.
Lineare Algebra Grundlagen zu Vektorräumen, Skalarprodukt etc.
Differentialgleichungen Bezug zwischen Feldlinien konservativer Felder und Trajektorien von DGL-Systemen.

5. Optionale Erweiterungen

Weitere Grundlagen

Grundlagen der Analysis (eine Variable)

Relevanz. Die grundlegenden Konzepte der Analysis in einer Variablen sind zentral für das Verständnis kontinuierlicher Entwicklungen, Änderungsraten und Bilanzprinzipien in den Life Sciences. Sie bilden die Basis für Differentialgleichungen, Integralrechnung und die mathematische Modellierung von Wachstums-, Fluss- und Gleichgewichtsprozessen. Auch periodische und rekursive Strukturen (z.B. Fixpunkte, Schwingungen) sind für das Verständnis dynamischer Systeme wesentlich.

Der Grossteil sollte aus der Schule bekannt sein.

Prozedurale Kompetenzen (Rechnen können)

Studierende können

Konzeptuelle Kompetenzen (Verstehen)

Studierende verstehen

Anwendungskompetenzen (Transfer und Modellierung)

Studierende können

Komplexe Zahlen

Relevanz. Komplexe Zahlen ermöglichen eine einheitliche Beschreibung von Schwingungen, Rotationen und linearen Systemen mit oszillatorischem Verhalten. Sie verbinden geometrische, algebraische und analytische Sichtweisen und sind für viele mathematische Modelle der Life Sciences (z.B. periodische Prozesse, Stabilitätsanalysen) unverzichtbar.

Prozedurale Kompetenzen (Rechnen können)

Studierende können

Konzeptuelle Kompetenzen (Verstehen)

Studierende verstehen

Anwendungskompetenzen (Transfer und Modellierung)

Studierende können

Mehrdimensionale Analysis

Relevanz. Die mehrdimensionale Analysis erweitert die Konzepte der Differential- und Integralrechnung aus der Schule auf Funktionen mehrerer Variablen. In den Life Sciences werden viele Grössen wie Konzentration, Temperatur, Dichte oder Energie durch ortsabhängige Felder beschrieben. Das Verständnis von partiellen Ableitungen, Gradienten, Extremwerten und Integralen über Gebiete ist zentral für die Analyse solcher Systeme und bildet die Grundlage für Vektoranalysis und partielle Differentialgleichungen.

Prozedurale Kompetenzen (Rechnen können)

Studierende können

Konzeptuelle Kompetenzen (Verstehen)

Studierende verstehen

Anwendungskompetenzen (Transfer und Modellierung)

Studierende können

Optionale Erweiterungen

Computational Competences

Relevanz. Rechnergestützte Methoden sind ein integraler Bestandteil mathematischer Arbeit in den Life Sciences. Sie unterstützen das Verständnis von Konzepten, die Umsetzung numerischer Verfahren und die Exploration von Modellen. Jupyter-Notebooks bieten eine Umgebung, um mathematische Notation, Programmcode und Interpretation in einem kohärenten Rahmen zu verbinden. Ziel ist die Fähigkeit, mathematische Modelle zu formulieren, numerisch zu untersuchen, zu visualisieren und kritisch zu interpretieren.

Jupyter-Notebooks bieten

In einer Mathematikveranstaltung wird nicht erwartet (aber begrüsst), Code selber zu schreiben. Im Mittelpunkt steht eine Anwendung des Codes in einem anderen Kontext.

Konzeptuelle Kompetenzen (Verstehen und Interpretieren)
Anwendungskompetenzen (Transfer und Integration)